Auf dem Foto zu sehen - v.l.n.r.: Wanda Spielhoff (Referentin Behindertenhilfe, DiCV für das Erzbistum Köln), Ansgar Funcke (Vorstand Caritasverband Düsseldorf), Dr. Anna Schönhütte (Referentin für ethische und religiöse Bildung im Gesundheitswesen), Bernhard Sauer (Pädagogischer Leiter St. Raphael Haus), Jule Wenzel (MdB), Nicole Bareuther (Leitung St. Raphael Haus), Charline Ulrich (wissenschaftliche Mitarbeiterin für Sozialpolitik)
Wie sieht die Lebensrealität von Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen der Jugend- und Eingliederungshilfe aus? Welche Hürden erschweren eine gute Unterstützung? Und wo braucht es dringend politische Entscheidungen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Besuchs von Jule Wenzel (GRÜNE) im Caritas St. Raphael Haus, Düsseldorf-Oberbilk. Beim Austausch mit Fachkräften und anschließendem Rundgang erhielt die Politikerin direkte Einblicke in den Alltag der Einrichtung – und in die wachsenden Herausforderungen der sozialen Arbeit.
Die Einrichtung des Caritasverbandes Düsseldorf arbeitet mit großem Engagement daran, Lösungen für hochkomplexe Problemlagen zu entwickeln – fachlich fundiert und stets mit dem Ziel, Kindern, Jugendlichen und ihren Familien frühzeitig, wirksam und nachhaltig zu helfen. Die Angebote reichen von spezialisierten Betreuungsformen für Kinder mit herausforderndem Verhalten, Angeboten der Eingliederungshilfe bis hin zu Unterstützungsangeboten für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.
Hoher Bedarf, wenig Plätze
Ein zentrales Thema des Austauschs war der weiterhin hohe Bedarf an Unterstützung für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen oder besonderem Förderbedarf. Dem stehen derzeit stark begrenzte Platzkapazitäten gegenüber. In der Praxis führt dies häufig dazu, dass notwendige Fördermaßnahmen in entscheidenden Entwicklungsphasen nicht rechtzeitig greifen können. Familien geraten dadurch zunehmend unter Druck, und Krisensituationen verschärfen sich oftmals unnötig.
Zu lange Wartezeiten verschärfen Probleme
Auch die Situation von Kindern mit herausforderndem Verhalten wurde intensiv beleuchtet. Lange Wartezeiten von bis zu zwölf Monaten für Diagnostik und Therapie verzögern dringend benötigte Hilfen erheblich. Die Folge sind häufig eine Verfestigung von Problemlagen, steigende Risiken für Schulabbrüche sowie soziale Isolation. Fachkräfte vor Ort betonten, dass frühzeitige und passgenaue Unterstützung entscheidend ist, um stabile Entwicklungsverläufe zu ermöglichen.
Unterstützung für junge Geflüchtete bricht teilweise zu früh ab
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Betreuung unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter. Hier wurde deutlich, dass Unterstützungsangebote mit Erreichen der Volljährigkeit teilweise enden, obwohl weiterhin ein hoher Bedarf besteht. Dies kann zu Abbrüchen von Bildungs- und Ausbildungswegen führen und erschwert nachhaltige Integration. Die Einrichtung setzt sich daher für verlässliche Übergänge und langfristige Perspektiven über das 18. Lebensjahr hinaus ein.
Soziale Arbeit an den tatsächlichen Bedarfen ausrichten
Jule Wenzel zeigte sich beeindruckt von der Arbeit und dem Engagement der Mitarbeitenden. Sie hob die Bedeutung solcher Angebote für den gesellschaftlichen Zusammenhalt hervor: „Es ist gerade jetzt, wo auf Bundesebene Reformvorschläge gesammelt werden, notwendig, dass wir genau hinschauen. Kinder und Jugendliche brauchen verlässliche Hilfen, die sie begleiten und befähigen. Ihre Bedarfe düfen nicht aus dem Blick geraten.“ Die Fokussierung auf tatsächliche Bedarfe bezeichnete auch Wanda Spielhoff, Referentin Behindertenhilfe beim Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln e.V., als unabdingbar: „Das St. Raphael Haus arbeitet bereits inklusiv, es werden dort Kinder mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, wie zum Beispiel mit Behinderungen oder Migrationshintergrund, auf Basis ihres individuellen Unterstützungsbedarfs begleitet. Auf Bundesebene wird gerade ein Gesetz zur Inklusiven Jugendhilfe auf den Weg gebracht. Das Gesetz sieht vor, dass einige Angebote, etwa die Schulbegleitung, infrastrukturell bzw. als Pooling erbracht werden. Der Ausbau der Infrastruktur ist positiv, wichtig ist aber, dass der individuelle Bedarf von Kindern und Jugendlichen nicht aus dem Blick gerät!“
Ansgar Funcke, Vorstand des Caritasverbandes Düsseldorf, unterstrich die Relevanz nachhaltiger politischer Unterstützung: „Wir erleben täglich, wie groß der Bedarf an Hilfe ist – und wie entscheidend es ist, dass diese Hilfe frühzeitig und passgenau zur Verfügung steht. Gemeinsam können wir erreichen, dass Unterstützung dort ankommt, wo sie gebraucht wird. Dafür brauchen wir verlässliche Rahmenbedingungen, Planungssicherheit und den konsequenten Ausbau bedarfsgerechter Angebote.“
Bestehende Strukturen stärken
Der Besuch machte deutlich, dass die integrative Jugendhilfe vor großen Herausforderungen steht, zugleich aber über wirksame Konzepte und engagierte Fachkräfte verfügt. Mit gezielten Maßnahmen – etwa einer vorausschauenden Bedarfsplanung, dem Ausbau niedrigschwelliger Angebote sowie beschleunigten Zugangsverfahren – können bestehende Strukturen weiter gestärkt und langfristig verbessert werden.
Der Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln e.V. und der Caritasverband Düsseldorf e.V. sehen den Austausch mit der Politik als wichtigen Schritt, um gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln und die Unterstützung für Kinder, Jugendliche und Familien nachhaltig zu sichern.